Ein Kommentar zur aktuellen gesellschaftlichen Diskussion um Günther Grass’ aktuelles Gedicht, “Was gesagt werden muss”. Leider ist es eher ein Kommentar über die Frage nach der deutschen Identität geworden…
Wie alles begann…
Als 1914 der große, verhängnisvolle Krieg in Europa um die zukünftigen Machtverhältnisse im alten Land ausbrach, konnte man nur erahnen, wie weit und in welcher Art diese Geschehnisse sich auf den restlichen Verlauf des ablaufenden 20. Jahrhunderts auswirken wird. Der zweite Weltkrieg als direkte Konsequenz, der Rassenwahn, der Genozid, ein zerstörtes Europa als Resultat. Die Konsequenz, ein als Kriegstreiber gebrandmarktes Deutschland, vollkommen zurecht. Dass dieser Jahrhundertkrieg sich wirklich so direkt auf das alltägliche Leben, auf das innere Bewusstsein eines Volkes auswirken, deren Gewissen übermannen und geschichtliche Identität einer Nation auslöschen kann, kann keinem bewusst gewesen sein. Wie auch? Der Wandel in die Modernität, die schnelle Umwandlung konventioneller Armeen und motorisierte und gepanzerter Tötungsmaschienerien, lies keinen der damaligen Führer erahnen welch Grauen eine militärische Macht des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu einer des 19. Jahrhunderts ausrichten kann. Vielleicht war es den alten Herren, der alten Führungs-Riege Europas dieses enorme Machtmittel nicht bewusst, aber vielleicht warfen sie sich auch nur waghalsig in den Krieg mit dem falschen Bewusstsein, dass Kriege ähnlich denen im 19. Jahrhundert nie größere Auswirkungen auf spätere Jahrhunderte oder Generationen hätten.
Die deutsche Identität
Deutschland dieser Zeit ist wie ein abstraktes Kunstwerk, es ist ein Gebilde ohne Gesicht, ohne klare Kanten an denen man sich als Bewohner dieses Landes orientieren könnte. Die deutsche Nation abgeschliffen, hat ihren Glanz des 19. Jahrhunderts verloren, als die Väter dieser Nation Kleinstaaten und Preußen vereinten, um ein Deutschland zu bilden, welches sich von Ostpreußen bis zum Rhein erstrecken sollte. Damals, bereits Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts fragte man sich, was denn “Deutsch” sei, was einen verband, was eine Ansammlung verschiedener kleiner Staaten und Volksgruppen zu einem gemeinsamen Staate machen sollte. Die Sprache sicherlich, aber auch gemeinsame Feinde, gemeinsame Sitten und eine gemeinsame Geschichte.
Was ist von alldem übrig geblieben? Vom Stolz, von der Identität, von der Verbundenheit, die einen jeden Einwohner Deutschlands zu einem Deutschen macht, ganz egal welcher Herkunft er ist? Selbstverschuldet haben wir uns der eigenen Identität entraubt, dem Hass der Großväter und die Blindheit Europas haben wir diese Tatsache zu verdanken.
Man vergleiche die Identität Frankreichs mit der Identität Deutschlands. Auf der einen Seite ein geschichtsträchtiges Bild, welches voller Stolz auf die Grande Nation erblüht, auf der anderen Seite ein Bild der Moderne, vielleicht ein Hundertwasser. Nein, nicht abstrakt in der Form, dass wir in der Bundesrepublik eine solch abstrakte und einfache Gesellschaft hätten, wie es das Gemälde vermuten ließen würde, viel eher will ich damit auf die Verwurzelung der aktuellen Generationen hinaus. Franzosen, sich ihrer Geschichte bewusst, gehen mit gesundem Patriotismus ins Leben, während man in Deutschland teilweise beäugt und belächelt wird, wenn man in einer gewissen Weise zum Vaterland steht. Nationalisten und Rechtsextreme sind zu verachten, das möchte ich an dieser Stelle nur einmal gesagt haben, ich würde auch niemanden einen Vorwurf wegen seiner fehlenden Verbundenheit zum Vaterland machen, ganz im Gegenteil.
Deutschland hat seine geschichtliche Identität verloren, sein historisches Antlitz in den Wirren des 19. Jahrhunderts zurückgelassen. Keineswegs sollte man auf die Taten der Großväter stolz sein, aber man sollte nicht seine Herkunft vergessen und sich darauf besinnen, dass egal was passieren wird, man in einem Land mit einer gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Kultur lebt.
Die Gesellschaft würde stark davon profitieren, wenn man nicht nur die direkte Konsequenz aus den eben jenen Geschehnissen des 19. Jahrhunderts ziehen würde, sondern auch den gesellschaftlichen Prozess der Identitätsbildung unterstützen würde. Deutschland ist keine Nation mit Volk, sondern ein förmlicher Staat mit 82 Millionen Einwohnern.
Günther Grass: “Was gesagt werden muss“
Günther Grass, eine sehr ehrenwerte Person, weltweit hochgeschätzt, sieht sich nun mit einer großen Welle an Kritik der Medien und vieler prominenter Vertreter aus Politik und Gesellschaft konfrontiert. Die Äußerung, nein gar die Beschimpfung, dass der Herr Grass ein Antisemit sei, hat mich verdutzt. Das Gedicht als Hetze gegen Isreal zu beschreiben ist purer Populismus und hat nichts mit einer sachlichen Verständigung über die politische Aussage des Gedichts zu tun.
Als Sigmar Gabriel vor einigen Wochen die mutige Meinung vertrat, dass die Situation in Palästina menschenunwürdig sei, brachen sogleich starke Proteste gegen diese Äußerung ein. Politiker beschwerten sich über seine verzogene Ansichten, seine aus der Luft geholten Vorstellungen, die jeder Realität entbehren und reiner Nonsens sind. Der werte Gabriel blieb soweit ich mich erinnern kann bei seiner Meinung, allem Widerstand zum Trotz.
Nun einige Wochen nach Grass’ Gedicht ist es bereits still um die Geschichte geworden, der angebliche Antisemit hat somit leider sein Ziel verfehlt. Ein gesellschaftlicher Dialog über die politische Situation im Nahen Osten hatte er sich gewünscht, einen Shitstorm hat er bekommen. Grass als einer der Interlektuellen des 20. Jahrhunderts hat sich seine Achtung verdient, sei es mit politischer Einflussnahme oder lyrischer Brillianz, Fakt ist dabei, dass die Eintagsfliegen, die sich in diesem Land “Politiker” schimpfen, im Wandel des öffentlichen Meinungsbild wie ein elastischer Ball zwischen ihren Aussagen pendeln und dabei ganz und gar Weitsicht oder Ehrlichkeit außer Acht lassen, um in den kurzen Genuss einer machtvollen Position im Lande kommen.